Die Geschichte des Hubertusbad ist heute nicht mehr klar nachvollziehbar. Normalerweise gibt es zu Bauwerken dieser Größe Bauakten, in denen der Bau als auch spätere Veränderungen dokumentiert sind. Ein Großteil dieser Akten wurde jedoch durch Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg leider vernichtet. Der Förderverein Stadtbad Lichtenberg e.V. hat eine Rekonstruktion auf Basis der verbliebenen Dokumente erstellt, auf welche ich mich primär beziehe.

Hubertusbad-Architektur: Ein Stadtbad der "Goldenen 20er"

Das Hubertusbad wurde 1928 als „Städtisches Volksbad“ eröffnet. Der Begriff Volksbad war damals (vor der NS-Zeit) noch positiv besetzt. Die Volksbäderbewegung des 19. Jahrhunderts hatte das Ziel, allen Menschen Zugang zu bezahlbaren und hygienischen Badeeinrichtungen zu ermöglichen. Trotz äußerst schwieriger wirtschaftlicher Bedingungen setzten sich auch die Stadtverwaltungen von Berlin und Lichtenberg dieses Ziel im Jahr 1919, ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Es war eine Zeit, in der viele Menschen in Deutschland – ähnlich wie zu Beginn der Industrialisierung – keinen Zugang zu einem eigenen Badezimmer hatten.
Das Hubertusbad gilt als das erste Volksbad, das in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg errichtet wurde, und knüpfte damit wieder an den vorausgegangenen Aufschwung der Volksbäderbewegung (1901–1914) an.

Treppe im Expressionistischen Baustil im Hubertusbad

Entworfen wurde das Schwimmbad von den Architekten Rudolf Gleye, Otto Weiß und Johannes Uhlig. Es ist eines der wenigen Gebäude, die dem Baustil des Expressionismus zugeschrieben werden – einem Stil, der ausschließlich in Deutschland entstand. Charakteristisch für diese Epoche ist die Betrachtung des Gebäudes als Gesamtkunstwerk. Der Stil kann als eine Art Gegenbewegung zu Jugendstil und Bauhaus verstanden werden, die stark durch den Leitsatz „form follows function“ geprägt waren.


Die expressionistische Architektur versuchte, durch überlängte Formen und asymmetrische Baukörper besonders ausdrucksstarke Gebäude zu schaffen. Aufgrund der meist strengen statischen Rahmenbedingungen blieb dies jedoch häufig auf konzeptioneller Ebene. Verglichen mit anderen expressionistischen Entwürfen ist das Hubertusbad eher ein bodenständiges Relikt dieser Epoche und stellt meiner Meinung nach ein gelungenes Beispiel für die Verbindung von „form follows function“ mit expressionistischen Verschnörkelungen dar – besonders sichtbar an Treppen und Treppengeländern des Hubertusbads. Auch die bunten Kristallglasfenster unter den Dächern sind mir aufgefallen. Diese haben das Schwimmbad einst mit reichlich Tageslicht versorgt.

Fotografie Stadtbad Lichtenberg

Aufteilung und Nutzung des alten Stadtbads

Da das Hubertusbad als Stadtbad nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der medizinischen Versorgung diente, bot es deutlich mehr Einrichtungen als heutige Schwimmbäder. Im Folgenden beschreibe ich die Nutzung der einzelnen Ebenen vom Keller bis zum Dachgeschoss.

Keller: Friseur

IIm Kellergeschoss befand sich ein Barbershop. Die Räume sind sehr dunkel, weshalb es sich bei der Fototour empfiehlt, Studiobeleuchtung oder ähnliches mitzubringen. Es sind noch Reste der vermutlich originalen Einrichtung vorhanden, wie Spiegelrahmen oder Waschbecken. Ein besonderer Hingucker sind die alten Friseurstühle.

Barbershop im Hubertusbad
Alte Friseurstühle im Kellergeschoss

Erdgeschoss: Männer- und Frauenbäder des Hubertusbads

Im Erdgeschoss befinden sich die Hauptbäder. Das Gebäude ist symmetrisch in zwei Hälften aufgebaut: links das Frauenbad, rechts das Herrenbad. Ich gehe davon aus, dass diese strikte Trennung im Laufe der Zeit aufgehoben wurde, da – wie unten zu sehen – im Herrenbad auch Duschen für Frauen ausgewiesen waren. Alle Bilder mit türkisen Fliesen gehören zum ehemaligen Herrenbad.

Fotografie aus dem Hubertusbad
Duschen im alten Stadtbad Lichtenberg
Die Frauen-Duschräume (komischer Weise gab es diese auch im Männerbad)

Erster Stock: Umkleiden und Badekabinen

Im ersten Stock befinden sich weitere Umkleiden, ähnlich wie im Erdgeschoss. Zusätzlich gibt es zwei Bereiche mit Spinden, und die Schwimmhallen können von oben eingesehen werden. Hinter dem Schwimmhallenbereich liegen zahlreiche weitere Räume. Hier befanden sich im ersten Obergeschoss die Badekabinen (laut Wikipedia insgesamt 68).

Hubertusbad Männerschwimmbecken
Aufgang in den ersten Stock im Hubertusbad
Badewanne im Stadtbad Lichtenberg

Diese Kabinen waren jeweils mit Wannen und/oder Duschen ausgestattet. Menschen ohne Zugang zu eigenen Sanitäranlagen konnten hier für wenig Geld ihre Körperreinigung vornehmen.

Zweiter Stock: Saunen, Kaltwasserbad und Weiteres

Im zweiten Stock befanden sich Saunen sowie weitere Bereiche für medizinische Wasseranwendungen. Diese Räume sind heute größtenteils leer, teilweise mit Tischen und Stühlen ausgestattet, aber fotografisch eher unspektakulär. Deutlich beeindruckender sind hingegen die prachtvollen Überreste des ehemaligen Kaltwasserbeckens.

Kaltwasserbecken im Hubertusbad
Gestackte Aufnahme aus über 70 Bildern. Das Kaltwasserbad im Obergeschoss ist wunderschön.

Auf dem Dach: Sonnendeck

Ganz oben befand sich eine Art Dachterrasse mit weiteren Umkleidekabinen. Vermutlich konnten sich die Besucher*innen an heißen Tagen dort sonnen und anschließend wenige Schritte weiter unten ins Kaltwasserbecken springen. Eine besonders beeindruckende Aussicht bot das Sonnendeck meiner Meinung nach jedoch nicht.

Sonnendeck des Stadtbads Lichtenberg
Umkleiden auf dem Sonnendeck

Heutige und zukünftige Nutzung des Gebäudes

Seit 2012 engagiert sich der „Förderverein Stadtbad Lichtenberg e.V.“ für den Erhalt des Schwimmbads. Nach eigenen Angaben setzt sich der Verein hauptsächlich aus Mitgliedern zusammen, die selbst dort schwimmen gelernt, trainiert oder anderweitig eine persönliche Verbindung zu dem Bad hatten. Ziel des Vereins ist es, den weiteren Verfall zu stoppen sowie Denkmalpflege und Denkmalschutz dieses einzigartigen Gebäudes sicherzustellen.
Das Hubertusbad steht bereits seit den 1980er-Jahren unter Denkmalschutz. Der Berliner Senat unterstützt den Vorschlag, das Bad wieder als Stadtbad zu nutzen, nicht, da die Kosten als zu hoch eingeschätzt werden und gleichzeitig erhebliche Eingriffe in die ursprüngliche Bausubstanz notwendig wären, die mit dem Denkmalschutz kaum vereinbar scheinen. Der Förderverein widerspricht dieser Einschätzung deutlich. Streitpunkte sind vor allem die Ursachen der baulichen Mängel. Der Verein hat die Hoffnung auf eine Wiedereröffnung offenbar noch nicht aufgegeben und freut sich über jede Spende.

Umgesetzte Umbaumaßnahmen am Hubertusbad

Die ehemalige Frauenschwimmhalle wurde – wie unten zu sehen – zu einer Art Ballsaal umgebaut und wird heute von der Berliner Immobilienmanagement GmbH für Veranstaltungen vermietet. Bei genauerem Hinsehen erkennt man auf dem Foto, dass der Boden von einem dunklen, türkisen Rand eingefasst ist. Dabei handelt es sich um transparente Fliesen (oder Epoxidharz), durch die man an den Rändern noch in das originale Schwimmbecken blicken kann – eine tolle Idee, um den ursprünglichen Charakter mit der neuen Nutzung zu verbinden und wertzuschätzen.

Umgebautes Frauenbecken im Hubertusbad
Die umgebaute Frauenschwimmhalle erinnert heute eher an ein Basketball-Feld

Solange sich keine Investor*innen finden, die bereit sind, erhebliche Summen in den Erhalt und die Wiederherstellung der Originalsubstanz zu investieren, ohne primär auf langfristigen Gewinn zu setzen, wird das Stadtbad vermutlich in seinem aktuellen Zustand verbleiben.

Fotomotive und Fototour "Stadtbad im Spot-Light"

Wer bis hierher gelesen hat, hat bereits einige Eindrücke der besonderen Motive des Hubertusbads gewonnen. Dennoch gibt es einige Aspekte, deren Kenntnis im Vorfeld hilfreich ist.

Vorbereitung

Wie bereits angedeutet, ist insbesondere für den Kellerbereich eine bessere Beleuchtung als eine einfache Taschenlampe sinnvoll – zumindest dann, wenn man brauchbare Fotos der Friseurstühle machen möchte. Ich hatte das Glück, dass zwei Teilnehmende passende professionelle Lampen dabeihatten.Etwa sowas hier.

Zudem lohnt es sich, für kleinere Räume wie die Umkleidekabinen ein sehr weitwinkliges Objektiv einzupacken, gegebenenfalls auch ein Fisheye. Gleichzeitig bietet das Hubertusbad ungewöhnlich viele Möglichkeiten für Makroaufnahmen, was nicht bei jedem Lost Place der Fall ist.

Während der Tour im Hubertusbad

IIch habe die Tour bei Go2Know gebucht. Nach meiner Erfahrung ist die Teilnehmer*innenzahl dort meist so gewählt, dass sie für eine Fototour gerade noch gut handhabbar ist – gemessen an der Größe des Gebäudes. Durch die offenen Räume der Schwimmhallen und die relativ große Gruppe ist es jedoch teilweise schwierig, die Becken zu fotografieren, ohne andere Personen im Bild zu haben. Wie bei vielen Fototouren verlassen erfahrungsgemäß etwa 50 % der Teilnehmenden das Gebäude nach zwei bis drei Stunden, sodass es zum Ende hin deutlich leerer wird und ausreichend Zeit bleibt, die Becken in Ruhe zu fotografieren. Bis zum Schluss zu bleiben, lohnt sich daher.

Nachbearbeitung

Während meiner Fototour waren einige Bereiche am Beckenrand des Männerbeckens mit Pylonen und Absperrbändern gesichert, was auf Fotos natürlich stört. Diese Elemente habe ich bei einigen Aufnahmen in Photoshop entfernt. Das KI-basierte Ersetzen funktioniert dabei eher mittelmäßig, klappt aber nach mehreren Versuchen meist ganz gut. Manuelles Retuschieren ist hingegen kaum möglich, da die Fliesen viele Fluchtpunkte besitzen und der Kopierstempel dafür ungeeignet ist.


Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Weißabgleich. Ich habe fast immer Graustufenkarten dabei, um in jedem Raum eine Referenzaufnahme zu machen – zumindest theoretisch. Praktisch vergesse ich es an einigen Stellen. Nach meiner Erfahrung nutzt ohnehin kaum jemand solche Karten; die meisten verlassen sich auf die automatische Weißabgleichsfunktion der Bearbeitungssoftware. Während der Nachbearbeitung war ich mir stellenweise unsicher, ob der Weißabgleich korrekt gesetzt ist. Tatsächlich weisen die Fliesen im Hubertusbad je nach Raum und Becken sehr ähnliche, aber dennoch unterschiedliche Türkistöne auf, was für zusätzliches Verwirrungspotenzial sorgt.

Weitere Motivideen

Alte Schwimmflossen im Umkleidespint im Hubertusbad
Spints im ersten Stock

Die Spinde sind von unten lediglich mit einem Gitterboden ausgestattet. Dadurch konnte ich meine Taschenlampe unter einem Spind platzieren, um die Flossen gezielt hervorzuheben. Zusätzlich habe ich einen Teil des weiter entfernten Hintergrunds auf der linken Seite mit ins Bild aufgenommen, um den Kontext „Spind im Schwimmbad“ zu verdeutlichen und die typische Schwimmbadatmosphäre zu erhalten.

Bademeisterraum im Stadtbad Lichtenberg
Einige Räume, wie das Bademeisterzimmer, sind so klein, dass ich die Atmosphäre nur mit dem Fisheye-Objektiv einfangen konnte.

Das Fisheye-Foto zählt zu meinen Lieblingsbildern dieser Serie. Der Verfall des Gebäudes und die kontrastreichen Farben kommen darauf besonders gut zur Geltung.

Perspektive aus dem Badebecken im Hubertusbad
Hier besteht auch die Möglichkeit ein Schwimmbecken aus ungewohnten Perspektiven zu erleben ;)
Auch für Nahaufnahmen gibt es viele - in die Jahregekommene - Motive, wie diese Heizung.

Zusammenfassung der Fototour im Hubertusbad

Meinem Empfinden nach ist das Hubertusbad ein einzigartiges Schwimmbad, wie ich es in dieser Form noch nicht gesehen habe. Der von Expressionismus inspirierte Baustil unterscheidet sich stark von modernen Schwimmbädern. Auch Konzepte wie das Sonnendeck auf dem Dach oder die direkt in die Schwimmhalle führenden Umkleidekabienen wirken auf mich deutlich intuitiver und durchdachter als viele heutige Badgebäude. Selbst Menschen ohne besonderes Interesse an Fotografie würde ich eine Führung durch das Hubertusbad empfehlen – es ist wirklich außergewöhnlich.

Die Fototour hat mich zudem dazu gebracht, mich intensiver mit der Geschichte der Bäderkultur auseinanderzusetzen. Als Angehörige der Generation Y kenne ich Schwimmbäder fast ausschließlich als Orte der Freizeit und Unterhaltung. Der ursprüngliche Gedanke, hygienische Einrichtungen insbesondere für ärmere Bevölkerungsschichten bereitzustellen, war mir zuvor nicht bewusst. Bereits 1873 gründete sich der Berliner Verein für Volksbäder und finanzierte aus eigener Tasche 'die erste Anstalt für warme Bäder auf dem Gelände des „Asyl-Vereins für Obdachlose“. Dort standen 14 Wannen zur Verfügung. Ein Bad kostete 25 Pfennig, inklusive Seife und Handtuch.' Zu diesem Zeitpunkt existierten in Deutschland gerade einmal etwa ein Dutzend Schwimmbäder.

Heute sind die Eintrittspreise vieler Bäder so hoch, dass sich Menschen am finanziellen Rand der Gesellschaft den Zugang kaum leisten können – und zugleich wohl irritierte Blicke ernten würden, wenn sie ein Schwimmbad nicht zur Freizeitgestaltung, sondern aus hygienischen Gründen nutzen. Baden ist wieder zu einem Luxus geworden. Ich persönlich fände es wünschenswert, wenn dem ursprünglichen Gedanken hinter der Entstehung von Stadtbädern wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt würde – gerade in einer Zeit, in der fast jede Wohnung über ein eigenes Badezimmer verfügt.

Hier findest du ebenfalls eine Lost-Places-Tour, auf welcher ich eine kleine Schwimmhalle abgelichtet habe - neben vielen anderen Motiven.

Quellen und weitere Infos zum Hubertusbad

Förderverein Stadtbad Lichtenberg

berlin.de

Museum Lichtenberg

Wikipedia (ganz vereinzelt)

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