Schon länger denke ich darüber nach, Artikel über die Umnutzung von Lost Places zu schreiben. Nachdem ich inzwischen einige verfallene Orte besucht habe, hat es mich immer besonders berührt und inspiriert, wenn Menschen das Potenzial eines Ortes erkannt haben.

Vor allem die Orte faszinieren mich, an denen etwas Neues entstanden ist und dem Alten gleichzeitig eine Bühne gegeben wurde. Vor einigen Wochen habe ich den Lost Place Teufelsberg in Berlin besucht – ein Ort, der zusätzlich noch ein Thema vereint, für das ich mich ebenfalls begeistern kann: (Street) Art. Dieser Beitrag schaut deshalb ein wenig über den klassischen Lost-Places-Tellerrand hinaus. Die Fotosession war dieses Mal übrigens eher spontan.

Die Geburtsstunde des Teufelsberg – 1950

by Bustart

Der Teufelsberg und die ehemalige Abhöranlage in Berlin sind vielen durch die markanten weißen Kugeln auf den Dächern bekannt. Der Berg selbst ist allerdings keine natürliche Erhebung, sondern entstand erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Da Berlin im Krieg stark zerstört wurde, mussten Pläne entwickelt werden, um die Trümmer aus der Stadt zu beseitigen und den Wiederaufbau zu ermöglichen. So entstanden mehrere Schuttberge in Berlin – einer davon war der Teufelsberg.

Auf dem Gelände befand sich damals noch der kaum zerstörte Rohbau einer geplanten „wehrtechnischen Fakultät“ der Nationalsozialisten. Dieses Fundament eignete sich als stabile Basis für die Aufschüttung des Schutts. Insgesamt dauerte der Aufbau des Teufelsbergs 22 Jahre. In dieser Zeit wurden rund 26 Millionen Kubikmeter Trümmer aufgeschüttet. Parallel dazu begann die Bepflanzung mit etwa 480.000 Bäumen und 40.000 Sträuchern.

Ursprünglich gab es für den Teufelsberg jedoch ganz andere Pläne. Die Stadt Berlin wollte das Gebiet als Naherholungsgebiet nutzen. Tatsächlich existierten konkrete Ideen für einen Skilift und einen Rodelhang. Kaum vorstellbar heute – gerade wenn man den Lost Place Teufelsberg kennt. Durch die spätere Nutzung durch die Alliierten wurden diese Pläne jedoch verworfen.

Übernahme des Teufelsbergs durch die Aliierten – ab 1961

Ab 1961 erlaubte eine ausgehandelte Regelung den Amerikanern und Briten die Nutzung des Teufelsbergs für militärische Zwecke. Die Kontrolle über das Gebiet lag fortan bei den Amerikanern.

1969 begann schließlich der Bau der bekannten Radar- und Abhörstation, die als zentraler Bestandteil des „Five Eyes“-Netzwerks der NATO diente. Von hier aus wurde Funkverkehr aus der DDR und aus Moskau abgehört. Die weißen Kuppeln sollten dabei die Ausrichtung der darunterliegenden Antennen verschleiern.

Die Abhörstation war etwa von 1971 bis 1992 in Betrieb. In dieser Zeit arbeiteten rund 1500 Menschen auf dem Teufelsberg.

Neue Abhörmethoden machen den Teufelsberg obsolet – Ab 1992

Mit dem Ende des Kalten Krieges und durch neue Technologien, etwa die Nutzung von Satelliten, wurde die Abhörstation auf dem Teufelsberg nicht mehr benötigt und schließlich stillgelegt.

Vom Lost Place Teufelsberg zur kreativen Stätte

Durch die Stilllegung und die abgelegene Lage zog der Lost Place Teufelsberg immer mehr verschiedene – vor allem künstlerische – Gruppen an. Besonders alternative KünstlerInnen und Graffiti-SprayerInnen entdeckten den Ort für sich.

Der Teufelsberg entwickelte sich zunehmend zu einem Treffpunkt der alternativen Berliner Kunstszene, die in den 90ern stark durch Rap- und Hip-Hop-Kultur geprägt war.

Investoren planen Luxushotels

1996 wurde das Gelände von Investoren gekauft, die auf dem Teufelsberg eine Luxushotelanlage errichten wollten. Aufgrund von Genehmigungsproblemen, Widerstand der AnwohnerInnen und dem Einsatz von AktivistInnen wurden die Baupläne jedoch gestoppt.

Während die Investoren erfolglos versuchten, das Gelände weiterzuverkaufen, zog der Lost Place Teufelsberg immer mehr Streetart-KünstlerInnen an. Nach und nach füllten beeindruckende Kunstwerke die Gebäude der ehemaligen Abhörstation.

2004 erlosch schließlich die Baugenehmigung der Investoren. Damit wurde das Gelände als Investitionsobjekt zunehmend uninteressant und sich selbst überlassen. Genau dadurch entwickelte sich der Lost Place Teufelsberg immer stärker zu einem Kernpunkt der Berliner Streetart-Szene.

Durch seine abgelegene Lage – etwa 30 Minuten Fußweg von der nächsten S-Bahnstation entfernt, mitten im Nirgendwo – wurde die ehemalige Abhörstation zu einem Anziehungspunkt für SprayerInnen. Heute gilt der Ort als eine der größten Streetart-Galerien Europas. Wirklich kaum zu beschreiben – wesentlich mehr Kunst, als ich

Landesamt Berlin stellt den Teufelsberg unter Denkmalschutz

Im Jahr 2018 wurde der Teufelsberg vom Landesamt Berlin unter Denkmalschutz gestellt. Der Fokus liegt seitdem auf dem Erhalt und der Dokumentation der Zeit des Kalten Krieges sowie auf der Ausstellung und Förderung von Streetart.

Auf dem Gelände befinden sich zahlreiche Werke bekannter Streetart-KünstlerInnen und SprayerInnen – deutlich mehr, als ich erwartet hätte. Zusätzlich gibt es ein Museum zur amerikanischen Besatzungszeit sowie Räume für wechselnde Ausstellungen. Zur Zeit meines Besuchs (April 2026) war dort eine Ausstellung über die Geschichte des Teufelsbergs.

by Dan Kitchener
by Sr. Papá Chango
by lapiz
by sagieart
by Paul Punk

Fazit

Zum Schluss noch das Bild, das mir persönlich aufgrund seiner Farben und seiner Message am besten gefallen hat. Gerade auf dem Lost Place Teufelsberg merkt man schnell, dass Streetart selten nur reine Dekoration ist. Viele der Werke greifen politische, gesellschaftliche oder zwischenmenschliche Themen auf und machen genau das sichtbar, was diesen Ort heute ausmacht: Austausch, Haltung und kreative Freiheit.

Das Werk des Künstlers Alaniz erinnert daran, dass Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Nationalität gleichwertig sind. Gerade an einem Ort wie dem Teufelsberg, der aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs entstanden ist und später als Symbol des Kalten Krieges diente, bekommen solche Botschaften noch einmal eine ganz andere Wirkung.

Kunst und Satire waren schon immer unbequem für autoritäre Systeme und Menschen mit Machtanspruch. Nicht ohne Grund versuchen solche Systeme oft zuerst KünstlerInnen, JournalistInnen oder SatirikerInnen mundtot zu machen, sobald diese kritisch werden. Auch heute sieht man immer wieder, wie stark auf Kulturschaffende, Medien oder öffentliche Personen Druck ausgeübt wird, wenn sie gesellschaftliche oder politische Missstände ansprechen. Kunst soll im besten Fall nicht nur schön aussehen, sondern Diskussionen anstoßen, Denkmuster hinterfragen und Menschen zum Nachdenken anregen – und genau das ist es, was den Lost Place Teufelsberg heute so besonders macht.

by Alaniz

Der Teufelsberg ist heute nicht einfach nur ein weiterer Lost Place in Berlin, sondern ein Beispiel dafür, wie wichtig kulturelle Freiräume sein können. Dass dort keine Luxushotels entstanden sind, sondern ein Ort für Kunst, Geschichte und kreative Ausdrucksformen erhalten blieb, ist vor allem dem Einsatz der AnwohnerInnen und AktivistInnen zu verdanken, die sich gegen die Kommerzialisierung des Geländes ausgesprochen haben. Für mich zeigt der Lost Place Teufelsberg ziemlich deutlich, wie wichtig es ist, solche Orte zu erhalten – gerade in Zeiten, in denen Kultur und öffentlicher Raum immer häufiger wirtschaftlichen Interessen untergeordnet werden.

Quellen

  • https://www.teufelsberg-berlin.de/geschichte/geschichtlicher-ueberblick/
  • Ausstellung vor Ort auf dem Teufelsberg
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